Boeing B-17 G Flying Fortress "Strictly GI"

91st Bomb Group, 323 Bomb Squadron, Kennung 43-37594

Absturz zwischen Speyerdorf und Haßloch

09.09.1944


Am 09.09.1944 flog die amerikanische Luftwaffe drei größere Bombereinsätze über deutschem Gebiet. Bei einem dieser Einsätze sollten 419 Bomber die Infrastruktur um Mannheim und Ludwigshafen bombardieren. 387 Bomber vom Typ B17 bombardierten schließlich die Städte Mannheim und Ludwigshafen, die anderen Flugzeuge bombardierten Zufallsziele. 197 Bomber wurden beim Einsatz durch Abwehrfeuer beschädigt, 5 Bomber wurden abgeschossen. Einer der abgeschossenen B17 Bomber war die „Strictly GI“ mit der Flugzeugkennung 43-37594.



Laut Tagebuch von LT Hankey, einer der Überlebenden: „Um 03:00 Uhr morgens standen wir auf und es ging los. Wir wurden über das Ziel gebrieft. Das Ziel hieß Ludwigshafen. Niemand war begeistert. Jeder wusste, um Ludwigshafen und Mannheim hatten die Deutschen einen gewaltigen Flakgürtel eingerichtet, der schon viele Opfer gekostet hatte“. Der Pilot der Maschine war 2nd LT Niels C. Jensen. Als Co-Pilot fungierte 2nd LT Dale W. Burkhead.  Der Navigator war 2nd LT Robert K. Hankey. Bombenschütze war 2nd LT Richard F. Klein. Sgt. Herman J. Valentine war der Turmschütze. Sgt. Joseph H. Kasperko war der Funker. Kugelturmschütze war Sgt. Donal H. Laird. Sgt. Stanley E. Morris war Rumpfschütze. Heckschütze war Sgt. Rollin E. Wright. Die letzten fünf Besatzungsmitglieder  werden den Absturz nicht überleben. 




Laut Aussagen der überlebenden Besatzungsmitglieder und Beobachter im Bomberverband ereignete sich bis zum Absturz folgendes. Das Flugzeug wurde bereits über dem Ziel (Mannheim/Ludwigshafen) gegen 11:00 Uhr getroffen, die Bomben wurden aber wie geplant über dem Ziel abgeworfen. Die ersten Flaktreffer ereigneten sich links vom Piloten und in einen der rechten Motoren. Das Glas des Cockpits zersplitterte und über die Freisprechanlage/Intercom kam die Info vom Kugelturmschützen Sgt. Laird, dass Motor Nr. 4 brannte. Eine Kontrolle der Besatzung ergab, dass niemand ernsthaft verletzt war. Kugelturmschütze Sgt. Kasperko wurde schlecht und er musste brechen. Daraufhin wurde er aufgefordert, im Funkraum eine neue Sauerstoffmaske zu holen. Das Flugzeug wurde ca. 10 Minuten später erneut mehrmals getroffen. Die Instrumente, das Funkgerät und die Freisprechanlage waren so gut wie außer Betrieb und unter Motor Nr. 3 brannte der Tank. Es wurde der Befehl gegeben, das Flugzeug zu verlassen. Die Alarmklingel wurde betätigt und das Flugzeug wurde auf Auto-Pilot geschaltet. Offenbar bekamen fünf Besatzungsmitglieder im hinteren Bereich des Flugzeugs und im Kugelturm diesen Befehl zum Abspringen nicht rechtzeitig mit, da das Flugzeug unter effektivem Flakfeuer lag und die Freisprechanlage nicht mehr richtig funktionierte.



Motor Nr. 3 und der rechte Flügel brannten mittlerweile lichterloh. Der Co-Pilot bekam plötzlich kurzzeitig wieder Verbindung über die Freispechanlage mit dem Bombenschützen. Dem Bombenschützen, 2nd LT Klein,  wurde mitgeteilt, er soll die restliche Besatzung wenn möglich sofort über den Befehl abzuspringen informieren. Im Nachgang der Ereignisse stellte sich heraus, dass dies verbindungstechnisch nicht mehr geklappt hat.

 

Mittlerweile füllte sich das Cockpit mit grau-weißem Rauch und das Feuer im rechten Flügel breitete sich aus bis zum Bombenschacht. Die vier Besatzungsmitglieder im vorderen Bereich des Flugzeugs waren somit von den anderen fünf Besatzungsmitgliedern im hinteren Teil des Flugzeugs abgeschnitten.

 

Laut Tagebuch von 2nd LT Hankey: „Uns war erzählt worden, dass, wenn einer der Benzintanks brennt, wir nur noch maximal 30 Sekunden Zeit haben bis der Tank explodiert.“

 

Fallschirme wurden angelegt. Der Navigator, 2nd LT Hankey, sprang zuerst mit dem Fallschirm ab, gefolgt von dem Bombenschützen Klein. Danach folgten der Pilot, 2nd LT Jensen und der Co-Pilot, 2nd LT Burkhead. Laut 2nd LT. Hankey: „Wenn ich mich richtig entsinne, verließ ich das Flugzeug in einer Höhe von ca. 24.000 Fuß (ca. 7300 Mtr.). Im freien Fall sah ich das Flugzeug explodieren. In einer Höhe von ca. 5000 Fuß (ca. 1500 Mtr.) zog ich den Auslösegriff meines Fallschirms. Kurz danach war ich schon am Boden.“

 

Die vier Fallschirmspringer überstanden den Absprung ohne größere Probleme. Sie trafen sich kurz nach der Landung, bevor sie schließlich gefangen genommen wurden. In Gefangenschaft sahen sie sich nicht wieder. Von den restlichen Besatzungsmitgliedern fehlte seit dem Absturz jede Spur. 

 

Die letzten Minuten von „Strictly GI“ wurde auch von anderen Flugzeugen im Bomberverband beobachtet: Die Treffer über Mannheim, das absackende, von einer Rauchfahne begleitete Flugzeug, bis hin zu Fallschirmen die gesichtet wurden. Bis das Flugzeug, kurz bevor es in den Wolken abtauchte, explodierte. Im Nachgang der Ereignisse bewahrtheitete sich das, was man schon befürchtet hatte: Fünf Insassen wurden mit in den Tod gerissen.


In 2017 kam die Geschichte des Absturzes der IG Heimatforschung zu Ohren. Im Rahmen einer Untersuchung an einer anderen Absturzstelle, wo wir bereits tätig waren, die Absturzstelle eines englischen Halifax Bombers bei Speyerdorf, wo mittlerweile bereits ein Gedenkstein errichtet wurde, wusste ein Zeitzeuge sich auch zu erinnern, dass an einer anderen Stelle ein amerikanisches Flugzeug abgestürzt war. Er hatte nämlich als Kind mitbekommen, dass an einer Stelle mehrere tote amerikanische Flieger aus dem Wald transportiert worden waren. Wo das Flugzeug abgestürzt war, wusste er nicht, er konnte es nur vermuten. „Das muss irgendwo im Wald heruntergekommen sein“, sagte er. Außerdem hatte der Zeuge noch berichtet, dass westlich von Haßloch, im Bereich des Fullerwegs lange ein Teil eines Hecks eines wohl amerikanischen Flugzeuges gelegen hatte. Aber wo war der Hauptteil des Flugzeuges, der Rumpf, ect.,  heruntergekommen? Die genaue Stelle ließ sich zunächst nicht genau lokalisieren. 



Ein anderer Zeitzeuge hatte vor Jahren einmal eine goldene Uhr mit Gravur bekommen. Es stellte sich lt. Gravur heraus, es handelte sich um die Uhr eines der getöteten Insassen des besagten amerikanischen Flugzeugs, das wir suchten. Er hatte die Uhr nach dem Krieg von einem Freund bekommen. Sie war wohl in dem Waldstück gefunden worden, wo wir die Absturzstelle des B17 vermuteten. Obwohl er nicht genau wusste wo, war sein Wunsch, dass die Uhr wieder dorthin zurückkommt, wo sie hingehört, zur  Familie des getöteten Soldaten. So sollte es geschehen. 



Als die Genehmigung der Denkmalbehörde vorlag, Nachforschungen im besagten Waldstück durchführen zu dürfen, wurde die Stelle, an der lt. Zeuge die Leichen gelegen hatten, mit Metalldetektoren untersucht. Es ließen sich dort aber keine Flugzeugteile oder sonstige Hinweise auf die Besatzung mehr finden. Es wurde die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass einige Flieger damals aus dem Flugzeug gefallen sein könnten, nachdem das Flugzeug explodiert war.

 

Vom „Fundort“ der Leichen aus erweiterten wir daraufhin den zu untersuchenden Bereich und stießen weiter im Wald schließlich auf eine sekundäre Trümmerstelle, an der vermutlich ein Motor des Bombers gelegen hat. Die Stelle war aber relativ klein bzw. überschaubar und im direkten Umfeld konnten keine weiteren Flugzeugteile lokalisiert werden. Da das Flugzeug in der Luft explodiert war, war dies keine Überraschung. Offenbar waren Teile des Flugzeugs an verschiedenen, teils weiter auseinanderliegenden Stellen heruntergekommen.

 

Erst als sich durch einen Aufruf in der Zeitung „Die Rheinpfalz“ ein Zeitzeuge meldete, der nach dem Krieg als Waldarbeiter im besagten Wald gearbeitet hatte, kam die Sache richtig ins Rollen. Er teilte mit, er habe damals große Teile des amerikanischen Flugzeugs im Wald liegen sehen. Er hatte auch mitbekommen, wie die toten Besatzungsmitglieder damals von den Amerikanern in Mußbach auf dem Friedhof exhumiert wurden. Er erklärte sich sofort bereit, mir die Stelle im Wald und auf dem Friedhof zu  zeigen. 

 

An einem der darauffolgenden Tage fuhren der Zeitzeuge und ich in den Wald, bis wir in dem besagten Abschnitt ankamen. Selbstverständlich hatte sich alles über die Jahre sehr verändert, aber die genaue Stelle konnte in etwa ermittelt werden. Der Zeitzeuge war sich ziemlich sicher. Die Koordinaten wurden im GPS gespeichert. Anschließend fuhren wir zum Friedhof, wo mir die Stelle der ehemaligen Gräber gezeigt wurde.



Wenige Tage später fuhren wir mit unserer Ausrüstung und mit Metalldetektoren in den besagten Waldabschnitt, den der Zeuge mir gezeigt hatte. Nachdem wir den Abschnitt großflächig abgelaufen waren,  ragte an einer Stelle ein Stück Plexiglas aus den Boden. Ein erster Hinweis. Da unmittelbar daneben keine Flugzeugteile gefunden wurden, gingen wir weiter in den Wald hinein und liefen systematisch mehrere Bahnen auf und ab..

 

Nach einer Weile, wobei keine Flugzeugteile gefunden wurden, lagen plötzlich mehrere amerikanische Patronenhülsen vom Kaliber 12,7 mm (.50 Cal.), samt den typisch dazugehörigen Geschossen, auf relativ kleinem Raum zusammen. Auffällig war, die Zündhütchen der Patronenhülsen waren nicht abgeschlagen und die Geschosse waren nicht verschossen worden, da die typischen Abdrücke der „Felder und Züge“ vom Inneren des MG-Laufs, die beim Abfeuern entstehen, auf den Geschossen fehlten. Also entweder hatte nach dem Absturz/nach dem Krieg hier jemand (als Kind?) mit Munition „gespielt“, die Geschosse von der Hülse getrennt, um das Pulver zu extrahieren, oder waren diese Patronen in einem Feuer „erhitzt bzw explodiert“ und weggeschleudert worden. Ich vermutete das Letzte. Fakt war, die Absturzstelle konnte nicht mehr weit weg sein. Den Radius der „weggeschleuderten“ Patronen in Betracht gezogen, wurde der Kreis immer enger.

 

Kurz darauf stießen wir auf eine Stelle, an der relativ junge Birkenbäume standen. Nur Birkenbäume, obwohl außen herum andere und ältere Baumarten standen. War die Stelle neu aufgeforstet worden? Eine nähere Betrachtung des Umfeldes ließ ebenfalls vermuten, dass dies vor nicht allzu langer Zeit eine offene Stelle im Wald gewesen sein musste. Da es damals ja offenbar (auch nach dem Zustand der teils verrußten, nach dem Krieg gefundenen goldenen Uhr eines der Besatzungsmitglieder zu urteilen) an der Absturzstelle gebrannt hatte, ist vermutlich viel Flugbenzin in den Boden eingesickert. Solche Stellen sind oft jahrelang frei von Vegetation.




Die Metalldetektoren signalisierten hier plötzlich ein Signal nach dem anderen. Der ganze Abschnitt lag voll mit allerhand Flugzeugteilen. Von Cockpitteilen bis hinzu persönlichen Gegenständen der Besatzung. Direkt unter dem Humus befand sich außerdem großflächig eine schwarze Brandschicht. Die Absturzstelle war gefunden.




Fragment v. Sgt. Lairds Ball Turret/Kugelturm



Mittlerweile haben wir dort mehrere Surveys durchgeführt und die Untersuchung dauert noch an. Die größten Flugzeugteile waren bereits nach dem Absturz bzw. nach dem Krieg entfernt worden (Metall war ja beliebt), aber es befinden sich noch sehr viele „Hinweise“ bzw. Fundstücke in dem Boden. Flugzeugteile aus Aluminium und Eisen, Fragmente von Instrumenten, Cockpitteile, Munitionsreste, und eine große Anzahl persönlicher Ausrüstungs- und Uniformteile konnte bereits geborgen werden.




Mittlerweile wurden alle 9 Familien der 9-Mann Besatzung in den USA ausfindig gemacht und über unseren Fund der Absturzstelle und die Pläne, einen Gedenkstein zu errichten, in Kenntnis gesetzt. Sie waren alle ausnahmslos begeistert und wollen unbedingt die Stelle in absehbarer Zeit besuchen. Wir konnten viele neue Erkenntnisse gewinnen und Insider-Wissen dokumentieren, zB was mit den mit dem Fallschirm abgesprungenen Besatzungsmitgliedern passiert ist, während und nach der Gefangennahme. Die größte Überraschung war aber, dass der Bombenschütze Richard Klein noch lebt. Er ist 97 Jahre alt. 









Die Untersuchung der Absturzstelle dauert noch an, und jedes Mal, wenn wir dort sind, werden neue Erkenntnisse und Fundstücke des Absturzes zutage gefördert. Die goldene Uhr ist selbstverständlich längst zurück, dort wo sie hingehört. Zur Familie des getöteten Soldaten Sgt. Donal Laird.



18.11.2020: Alle neun Familien der Besatzung in den USA erreicht!

Die neunte und letzte Familie der Besatzung des im Mußbacher Wald abgestürzten B-17-Bombers "Strictly GI", die Familie Wright, wurde in den USA gefunden und informiert!

The ninth and last family of the crew of B-17 "Strictly GI", the Wright family, has been found and contacted in the USA!


Fortsetzung folgt/To be continued!