Nachfahre besucht Absturzstelle von B-17 "Black Widow" in Mechtersheim

398th Bomb Group, 601st Bomb Squadron

13.12.2020



Am 20.01.1945 stürzte die „Black Widow“, die „Schwarze Witwe“, ein amerikanischer B-17-Bomber, um die Mittagszeit bei Mechtersheim in einen Acker. Fast 75 Jahre später, am 13.12.2020, besuchte Ryan Skubik, selbst LT1 bei der amerikanischen Luftwaffe, Pilot eines der größten Transportflugzeuge der US-Luftwaffe, die C-17 Globemaster III, und Enkel eines der Insassen des abgestürzten Flugzeugs, die Absturzstelle.


Mit Hilfe eines Zeitzeugen aus Mechtersheim wurde die Absturzstelle in 2017 durch die IG Heimatforschung Rheinland-Pfalz in einem Acker bei Mechtersheim lokalisiert. Kurz danach konnte das Flugzeug sowie die damalige Besatzung identifiziert werden. Derzeit wird die Absturzstelle noch untersucht. 

 

Rückblick: Am 20.01.1945 war Ryan Skubiks Großvater, Co-Pilot 2LT Henry Skubik, kurz vor dem endgültigen Absturz des über Mannheim durch Flak getroffenen B-17-Bombers, zusammen mit sieben anderen Insassen des Flugzeugs, mit dem Fallschirm abgesprungen. Einer der  Fallschirmspringer, Sgt. Beyer, kam bei Oberlustadt ums Leben. Sein Fallschirm hatte sich nicht richtig geöffnet. Der Pilot, James Mitchell, der bis zuletzt im Flugzeug verblieb, weigerte sich zunächst, mit dem Fallschirm abzuspringen, und versuchte das Flugzeug noch zu landen. Dies gelang ihm nicht. Er verbrannte in dem Wrack an der Absturzstelle.


Der Co-Pilot, 2LT Henry Skubik, der nach dem Absprung auf einem gefrorenen Teich landete, wurde kurz darauf gefangen genommen. Bis zum Ende des Krieges verblieb er in einem Kriegsgefangenenlager. Nach dem Krieg diente er noch einige Jahre bei der amerikanischen Luftwaffe, wo er es bis zum Captain brachte. Er verstarb in 2018. Er beschrieb die Geschehnisse kurz vor dem Absturz folgendermaßen:

 

„Nachdem wir über dem Ziel durch Flak getroffen wurden, stand Motor Nr. 1 sofort in Flammen. Mit bestimmten Flugmanövern und der Umschaltung der Propeller in Segelstellung, damit diese nicht weiter rotierten, versuchte ich das Feuer im Motor zu löschen. Dies schien zunächst geklappt zu haben. In der nächsten Kurve sah ich aber, dass ich falsch lag. Der Flügel stand mittlerweile fast komplett in Flammen. Ich gab Befehl, das Flugzeug sofort zu verlassen.

 

Einer nach dem anderen verließ das Flugzeug. Mitchell, der 1. Pilot, wollte, unverständlicherweise, nicht abspringen. Dies war sein erster Feindflug. Ich hatte schon über 30 Feindflüge. Ich wusste, was kommen würde. Aber er ließ sich nicht umstimmen. Ich legte meinen Fallschirm an und entkoppelte die Sauerstoffzufuhr meiner Sauerstoffmaske. Die Flammen breiteten sich immer mehr aus. Langsam fing ich an, aufgrund Sauerstoffmangels das Bewusstsein zu verlieren. Mein letzter Gedanke war, meinen Kopf gegen die Kälte zu schützen, und so hob ich meine Arme über meinen Kopf, als ich das Flugzeug auf noch sehr großer Höhe verließ. 


Mein Fallschirm öffnete  sich zwar, ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern, dass ich den Auslösegriff gezogen habe. In einer Höhe von ca. 16.000 Fuß kam ich wieder zu Bewusstsein. Ich erinnere mich noch daran, dass ich eine Zigarette rauchen wollte, aber wegen dem beißenden Wind konnte ich diese nicht anzünden. Ich zog einen Schokoriegel aus meinem Anzug und aß diesen, während ich langsam zur Erde schwebte. Unter mir war alles weiß. Ich landete auf einem mit Eis und Schnee bedeckten Teich. Ich konnte mich nur schwer aus meinem Fallschirmgurtzeug befreien, da mein Fallschirm sich nach der Landung wieder mit Luft füllte und ich übers Eis gezogen wurde. An einem Felsvorsprung kam ich zum Stillstand, knallte förmlich dagegen, und wurde erneut bewusstlos. 


Als ich wieder zu mir kam, standen zwei deutsche Zivilisten neben mir. Sie schauten mich nur an, mehr nicht. Ich entschied mich daraufhin, einfach loszulaufen. Ich schätzte, die eigenen Linien könnten höchstens 40 Meilen weg sein. Nach ca. 5 gelaufenen Meilen, die zwei Deutschen immer noch hinter mir, änderte ich meine Strategie. Ich dachte, die SS könnte mich unterwegs irgendwo gefangen nehmen und erschießen. Ich bat die zwei Ziivilisten, mich zu einem deutschen Flugplatz zu bringen, wo ich mich als Luftwaffensoldat, gemäß der Genfer Konvention, an die gegnerische Luftwaffe ergeben könnte.

 

Die zwei Zivilisten änderten daraufhin ihre Richtung und nun lief ich hinterher, in der Hoffnung, dass sie mich verstanden hatten. Bald kamen wir in eine kleine Stadt, die offensichtlich vor kurzem durch Bomben beschädigt wurde. Als die Bevölkerung mich sah, wurde sie wütend und warf alles Mögliche, Steine, Holz, Schneebälle in meine Richtung. Ein deutscher Offizier kam aus der Menge direkt auf mich zu,  zog und lud seine Pistole durch. Er hielt die Pistole an meine rechte Schläfe und ich dachte, das wars dann. Ich schloss meine Augen. Aber es passierte nichts. 

 

Als ich meine Augen wieder öffnete, steckte der Offizier seine Pistole wieder in sein Holster. Er hatte es sich Gott sei Dank anders überlegt. Die Behandlung war rauh, aber ich war am Leben. Danach wurde ich weggebracht und verhört. Schließlich wurde ich in ein Stammlager der Luftwaffe, wie sich später herausstellte, Stalag Luft XIIID, verbracht.“


Nachdem Henry Skubik am 20. Januar 1945, der Tag des Flugzeugabsturzes, offiziell als „vermisst“ gemeldet war, wurde er erst am 29. März 1945 durch das Rote Kreuz als POW, Prisoner of War/Kriegsgefangener, gemeldet. In der Zwischenzeit bangte seine Familie um sein Leben. Am 29. April 1945 wurde er durch eine US-amerikanische Panzereinheit befreit.

 

Fast 75 Jahre später, am 13.12.2020, stand sein Enkel, Ryan Skubik, an der Stelle, an der das Flugzeug mit dem Piloten James Mitchell abgestürzt war. Für Ryan und seine Familie in den USA „a christmas miracle“,  „ein Weihnachtswunder“. Auch wie das alles, bis der Besuch überhaupt zustande kam, im einzelnen abgelaufen war. 

 

Als ich die Familie Skubik im Oktober 2020, über Jaqueline Skubik, Ryans Mutter, in Florida/USA gefunden hatte, kam zwei Tage später die Nachricht, dass Ryan 3 Monate bei der Air Force in Ramstein, nur eine Stunde von Mechtersheim entfernt, stationiert werden würde. Er wollte unbedingt die Absturzstelle besuchen. Nach zwei Wochen Quarantäne in den USA, zwei Wochen Quarantäne in Ramstein, wurde der erste Termin vereinbart. Diesen Termin musste er aus dienstlichen Gründen leider absagen. Von Ramstein aus fliegt Ryan fast täglich überall dort hin, wo amerikanische Truppen im Einsatz sind, und sein Flugplan ist sehr eng. Die ganzen Corona-Maßnahmen der USA und in Deutschland machten dies auch nicht leichter. Aber wir fanden einen Weg, zwei Tage vor dem Dezember-Lockdown, mit Genehmigung von höchster Stelle in Ramstein 


Ryan Skubik, ein Pilotenkollege aus Ramstein, Matt C., und ich trafen uns am 13.12.2020 unweit der Absturzstelle in Mechtersheim. Wir waren alle sehr froh, dass das Treffen überhaupt zustande gekommen war.

 

Nach einem sehr herzlichen Willkommen erzählte ich Ryan zunächst Einzelheiten zum Absturz, zeigte ihm die genaue Absturzstelle, die Flugrichtung, beschrieb das Fundaufkommen, einzelne Fallschirmabsprünge anhand einer Karte und noch mehr Details bezüglich des Absturzes. Ein Fallschirmspringer war lt. dem vor kurzem leider verstorbenen Zeitzeugen, Herr Hirt aus Mechtersheim, in einem Feld unweit der Absturzstelle gelandet. Herr Hirt konnte mir die Stelle damals bis auf wenige Meter genau zeigen. Jetzt konnte ich sie Ryan zeigen.  


Zeitzeuge Hr.  Heinrich Hirt, 06.03.1931    † 19.09.2020
Zeitzeuge Hr. Heinrich Hirt, 06.03.1931 † 19.09.2020

Das sehr schlammige Gelände war kein Hindernis, um den Bereich des genauen Auftreffpunkts des Flugzeuges bis hin zum endgültigen Stillstand (die genaue Absturzstelle besteht aus mehreren Feldern) abzulaufen. Anhand der bis dato gemachten Funde war dies genau nachvollziehbar.

 

Ryan war sehr interessiert, und für ihn war es eine einmalige Erfahrung, jetzt genau dort stehen zu können, wo das Flugzeug seines Opas über die Felder stürzte. Der Mittelpunkt der Geschichten seines 2018 verstorbenen Opas. Matt C., Ryans Kamerad, hat im Zweiten Weltkrieg Vorfahren in Italien verloren, er hätte auch gerne mehr Infos über das Wo und Wie gehabt, und er konnte Ryan sehr gut verstehen. Die Klärung eines Stücks Familiengeschichte. Er war ebenfalls sehr interessiert, er hatte deshalb auch gleich in Ramstein beantragt heute dabei sein zu dürfen.


Da ich damit gerechnet hatte, dass wir Fotos machen würden von diesem Besuch, hatte ich vorsorglich eine „Vintage“ US-Fahne mit 48 Sternen (wie in 1945) dabei. Damit machten wir anschließend ein Erinnerungsfoto an der Absturzstelle. Ryan hatte danach noch eine tolle, total unerwartete Überraschung für mich, eine Holzplakette, über die ich mich sehr freute.

 

Lt. Zeitzeugen, und wie bereits im vorangegangenen Bericht erwähnt, hatte ein MG-Schütze des Bombers, womöglich durch die chaotischen Geschehnisse im Flugzeug kurz vor dem Absturz sogar unbewusst, ein deutsches Flugzeug zwischen Schwegenheim und Mechtersheim zum Absturz gebracht. Nachdem Zeitzeugen mir diese Stelle ebenfalls gezeigt haben, konnten bereits erste Flugzeugteile im Oberflächenbereich geborgen werden. Diese Stelle wurde Ryan und Matt auch gezeigt. Eine außergewöhnliche Geschichte: Ein abstürzender Bomber schießt, obwohl er selbst bereits am Abstürzen ist, im letzten Moment noch eine deutsches Jagdflugzeug ab.  

 

Die nächste Stelle, die gezeigt wurde, war eine Stelle, an der deutsche Panzer zwischen Schwegenheim und Mechtersheim in zwei Wellen durch US-Jäger angegriffen wurden. In und um Mechtersheim war im Zweiten Weltkrieg einiges los. 



Nachdem wir ca. zwei Stunden miteinander verbracht hatten, endete unser Treffen leider schon wieder. Normalerweise, wie bei Treffen mit Nachfahren üblich, kehren wir irgendwo ein, essen und trinken etwas und erzählen noch länger. Wegen dem Teil-Lockdown und dem zwei Tage später eintretenden Corona-Total-Lockdown war dies leider nicht möglich.

 

Ryan und seine Familie, wie sich kurz nach unserem Treffen in Internetpostings der Skubik-Familie  herausstellte, betrachteten unser Treffen als ein einmaliges Weihnachtwunder. Das „größte Weihnachtsgeschenk für 2020 überhaupt“. Nach dem Ende der Untersuchungen vor Ort ist an der Absturzstelle ein Gedenkstein geplant. Die Familie Skubik hat bereits zugesagt zahlreich anwesend zu sein, ebenso die anderen bereits erreichten Familien der Besatzung. 


Das Geschenk von Ryan beinhaltet sinngemäß die folgenden Sätze:

 

„Für Deine/die Arbeit, damit zahlreiche Familien abschließen können. 

 

Für Deine/die Zeit, die du damit verbringst, denjenigen zu helfen, die von der Tragödie des Krieges zerrissen wurden. 

 

Für das Erzählen der Einsätze und Geschichten derjenigen, die es selbst nicht mehr können

 

Für das Schließen eines Kapitels in meiner Familiengeschichte“


Mehr Anerkennung und der daraus resultierenden Motivation für unsere Arbeit, für zukünftige Projekte für die Familien der Besatzungen, kann man nicht bekommen.                                                                              Erik Wieman


Lt1 Ryan Skubik, US Air Force, Enkel von Capt. Henry Skubik, US Army Air Corps