Absturzstelle Bad-Dürkheim/Hardenburg

Die Wiederentdeckung der Absturzstelle von Halifax III NA670 LK-L

578 Squadron Royal Air Force



Am 21.02.1945 um 16:43 Uhr stieg in Burn/Yorkshire (Großbritannien) ein viermotoriger Bomber der Royal Air Force (RAF) auf, mit dem Ziel, den Bahnhof und industrielle Anlagen im Bereich Worms in Rheinland-Pfalz/Deutschland zu bombardieren. Der Bomber vom Typ Halifax III B mit der Kennung NA670 LK-L, gehörte zur 578. Staffel, Royal Air Force. An Bord waren sechs Engländer und ein Australier. Wenige Stunden später stürzte das Flugzeug bei Bad-Dürkheim/Hardenburg ab. Der zweite Angriff eines Nachtjägers vom Typ Ju88 war dem Halifax und sechs von sieben Männern zum Verhängnis geworden. Nur ein Insasse überlebte den Absturz und wurde gefangen genommen. 


Besatzungsmitglieder der Halifax : Flying Officer  Richard John Ingham (Pilot), Flight-Sergeant Denis George Baxter (Flugingenieur), Pilot Officer (Navigator) John Robert Shepley, RAAF (Royal Australian Air Force), Flying Officer  Dan R. McLean (Bombenschütze), Flight-Sergeant Sidney Albert  Wellstead (Funker),  Flight Sergeant Neville Watson (Turmschütze) und Flight-Sergeant Donald George Weaver (Heckschütze). Nur Flying Officer Mclean überlebte den Absturz. Der Bombenschütze, der ganz vorne im Flugzeug positioniert war, wurde durch die Plexiglasnase des Flugzeugs herausgeschleudert  und üblebte durch einen Fallschirmabsprung, wobei er verletzt wurde. Zunächst hielt er sich noch versteckt, aber verletzungsbedingt ergab er sich zwei Tage später einer Gruppe von Waldarbeitern, die ihn an die Behörden übergaben. Nachdem er ärztlich versorgt und verhört worden war, wurde er in ein Gefangenenlager nach Luckenwalde gebracht. Zwei Monate später war der Krieg vorbei und er konnte nach England zurückkehren. Seine sechs Kameraden wurden nach dem Absturz vorübergehend in Hardenburg bestattet, bis sie am 09.04.1948 durch die englischen Behörden exhumiert wurden. Heute ruhen sie auf einem englischen Soldatenfriedhof bei Rheinberg in Nordrhein-Westfalen.



Das Flugzeug war Teil eines Bomberstroms von 334 Flugzeugen. 39% der Stadt Worms wurde zerstört. 239 Menschen, Soldaten sowie Zivilisten, fanden den Tod.  Mehr als die Hälfte der gesamten Bevölkerung der Stadt, ca. 58.000 Menschen, wurden ausgebombt. Elf Flugzeuge der Alliierten wurden durch Flak und Nachtjäger abgeschossen. Zwei davon gehörten zur 578. Staffel. Eins davon war Halifax NA670. 

 

In der gleichen Nacht, beim gleichen Angriff auf Worms, nur unweit von der Stelle, an der Halifax NA670 in den Wald nahe Bad Dürkheim/Hardenburg abstürzte, stürzte noch eine andere Halifax an einem Steilhang oberhalb von Leistadt ab. Es handelte sich um einen Halifax-Bomber der kanadischen 408. „Goose“ Staffel, Royal Canadian Air Force, mit der Kennung NP711. Nachdem die genaue Stelle mit Hilfe  eines Zeitzeugen lokalisiert werden konnte, wird sie seit 2018 untersucht. Die Nachfahren in Kanada und Großbritannien wurden ebenfalls kontaktiert und freuen sich sehr über alle neuen Erkenntnisse.


Bereits in 2019 wurde die IG Heimatforschung auf den Absturz von Halifax NA670 bei Hardenburg aufmerksam, nachdem zwei Zeitzeugen sich bei uns gemeldet hatten und über den Absturz berichtet hatten, den sie von weitem beobachtet hatten bzw. darüber gehört hatten. Auch wurde daraufhin bekannt, dass in 2007/2008 dort in unmittelbarer Nähe ein englischer Feuerlöscher, der vermutlich aus diesem Bomber stammte, gefunden wurde. In September 2020 meldete sich der Besitzer dieses Feuerlöschers sich schließlich bei der IG Heimatforschung RLP, nachdem er durch einen Artikel in der Rheinpfalz auf uns aufmerksam geworden war. Es stellte sich heraus, dass nach dem Fund dieses Feuerlöschers, lt. Besitzer, am Fundort damals keine weiteren Nachforschungen stattgefunden haben. Diese neue Kontaktperson und die daraus resultierende damalige Fundstelle des englischen Feuerlöschers, wurden für die IG Heimatforschung zum ersten Anhaltspunkt für ein evtl. zukünftiges Projekt. 

 

Der Finder erklärte sich auf Nachfrage sofort bereit, uns die genaue Stelle, an der er den Feuerlöscher damals gefunden hatte, im Gelände zu zeigen. Außerdem zeigte er uns zu Hause noch drei Fundstücke, die er, mehrere Wochen nach dem damaligen Fund des Feuerlöschers, im gleichen Waldabschnitt aber auf unterschiedlicher Höhe, ca. 200 Meter weg vom Fundort des Feuerlöschers, beim Holzhacken am Hang gefunden hatte. Schon nach einer kurzen Überprüfung stellte sich heraus, dass es sich um englische Flugzeugteile handelte.



Gemeinsam mit dem damaligen Finder nahmen wir beide separate Fundstellen, die höhenmäßig weiter auseinander lagen, in Augenschein. An der Stelle, an der damals der Feuerlöscher gefunden wurde, sagte der Finder, er wollte damals eigentlich nur kurz am Wegesrand „austreten“. Dort sah er dann zwischen den Blättern, nicht mal zwei Meter vom Weg entfernt, etwas zunächst „nicht näher Definierbares“, liegen. Es handelte sich im nachhinein um den besagten englischen Flugzeug-Feuerlöscher. Wenn man die zwei separaten Fundstellen mittels einer Linie miteinander verbindet, kann man daraus sehr wichtige Rückschlüsse auf den damaligen Absturz ziehen. Der Finder gab uns außerdem noch die Telefonnummer von einem Zeitzeugen, der damals an Ort und Stelle war, kurz nachdem das Flugzeug abgestürzt war. Ein kurzes Telefonat reichte. Nachdem der Finder des Feuerlöschers nach unserer Ortsbegehung nach Hause gebracht worden war, stattete ich diesem neuen Zeugen sofort einen Besuch ab.



Der Zeitzeuge konnte sich an alles noch genau erinnern, und von seinem Haus aus zeigte er mir schon die Absturzstelle am anderen Ende des Tals und gab mir weitere Details (Winkel, Flugrichtung, etc.). Außerdem beschrieb er, was er damals an der Absturzstelle gesehen hatte. Er würde die Stelle heute bestimmt noch finden, sagte er. Dann bat er mich, ihm zum Hühnerstall zu folgen. Im Hühnerstall hing ein geschmolzenes Stück Aluminium an einem Nagel, fein säuberlich gelocht und mit einem Draht versehen. „Bitteschön, von dem Bomber! Das habe ich damals aufgehoben und immer noch in Besitz“. Das können Sie gerne behalten“ sagte er, und er möchte mir die Stelle gerne sofort zeigen, wenn ich Zeit hätte. Das ließ ich mir kein zweites Mal sagen. 

 

Die Hilfsbereitschaft war einfach phänomenal. Lange können Zeitzeugen uns die Stellen nicht mehr zeigen. Es wird langsam eng. Dann wird es immer schwerer, solche geschichtsträchtigen Stellen zu finden, geschweige denn Gedenksteine am Absturzort zu realisieren, damit die Nachfahren endlich abschließen können und die Stellen endgültig vor dem Vergessen bewahrt werden. Schon einige Zeitzeugen aus  vorangegangenen Projekten der IG Heimatforschung sind kurz nach der Gedenksteineinweihung gestorben. Das Zeitfenster wird also immer knapper. Und es ist unheimlich interessant, diese Zeitzeugen zu begleiten, zuzuhören und zu dokumentieren, was sie alles noch über bestimmte geschichtsträchtige Themen wissen. Wissen, das sonst verloren geht.. 



Wir fuhren sofort los. Als wir nach ca. 20 Minuten im besagten Bereich angekommen waren, passierten wir auch die Stelle, an der ich zwei Stunden vorher mit dem Finder des  Feuerlöschers gewesen war. Ca. 300 Meter weiter sagte er, wir wären da. Das Gelände war relativ steil, aber als der Zeuge mich mittels Armsignalen in eine bestimmte Richtung dirigierte, ständig den Boden im Visier, hatte ich 10 Minuten später die ersten Plexiglas- und Aluteile des Flugzeugs in meinen Händen. Hier war es. Auf jeden Fall hatten wir es hier eindeutig mit einer Trümmerstelle zu tun. Eine primäre oder sekundäre Trümmerstelle, das wird sich noch herausstellen. Diese Stelle war unweit der Stelle, an der der Finder des Feuerlöschers nach dem besagten Fund noch die anderen Teile gefunden hatte, nur auf  anderer Höhe. Als wir bereits auf dem Rückweg waren, sagte der Zeuge an einer anderen Stelle noch: „Hier lagen damals noch zwei Motoren vom Flugzeug“ Der Aufprall des Flugzeugs war damals so heftig, dass die Teile des Flugzeugs über ein größeres Gebiet verteilt wurden. 

 

Nachdem der Zeuge wieder nach Hause gebracht wurde, wurden alle Informationen und Fundorte, die ich bereits vor Ort mittels GPS gespeichert hatte, in eine digitale Karte eingetragen. Die Fundort-Informationen, die ich an diesem Tag bekommen hatte, waren einmalig, und es konnten sehr wichtige Rückschlüsse für das zukünftige Projekt daraus gezogen werden. Von Phase 1 (das Finden“ der Absturzstelle, bzw. dem besagten Gebiet), konnte jetzt zu Phase 2 (das Kontaktieren der Nachfahren in Großbritannien und Australien) übergegangen werden. Danach soll das gesamte in Frage kommende Gebiet im Oberflächenbereich prospektiert werden.

 

Dem teils unwegsamen Gelände nach zu urteilen, könnten hier noch interessante Fundstücke zu Tage treten. Vielleicht sogar persönliche Gegenstände der Besatzung, die an die Nachfahren zurückgegeben werden könnten.


Eine Woche später wurde das in Frage kommende Gelände im Rahmen einer Wanderung zur Absturzstelle noch einmal begangen. An der Oberfläche wurden mehrere Hinweise auf den Absturz, sprich Flugzeugteile aus Aluminium, Plexiglas, Bakelit, am Hang gefunden. Außerdem schaute an einer Stelle das sechskantige Gewicht einer Stabbrandbombe aus dem Laub. Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen Blindgänger, eine fast komplette Stabbrandbombe, die nicht gezündet hatte. Der Zünder fehlte. Der Brandsatz war intakt bzw. komplett vorhanden. Außerdem  stellte sich heraus, dass es sich hier um eine englische Stabbrandbombe mit einer zusätzlichen Sprengladung im Fallgewicht handelte, von außen sichtbar durch einen Kreis unten am Fallgewicht. Der Grad der Gefährlichkeit des Blindgängers wurde dadurch gesteigert, dass er nicht nur den Brandsatz, sondern auch einen Sprengsatz enthielt. Dieses Modell wurde erst später im Krieg hergestellt, damit die Wirkung noch gesteigert bzw. Löscharbeiten des Brandsatzes erschwert wurden. 



An einer anderen Stelle lag noch ein einzelnes Fallgewicht einer englischen Stabbrandbombe aus Eisen an der Oberfläche, diesmal ohne Sprengladung. Der Kampfmittelräumdienst wurde umgehend verständigt und holte den Blindgänger ab.




In Bearbeitung!