Absturz eines Lancaster Bombers zwischen Limburgerhof und Mutterstadt

Lancaster HK603 WP-D 

05.01.1945


Ludwigshafen am Rhein gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den am meisten bombardierten Städten des damaligen Deutschen Reiches. Die Stadt Ludwigshafen und das direkt daneben liegende Mannheim wurden im Zweiten Weltkrieg 124 mal durch britische und US-amerikanische Luftangriffe bombardiert. Das Ziel war die Zerstörung der Infrastruktur und der kriegswichtigen Industrie. Dabei wurden ca. 140.000 Brandbomben und 1.200 Sprengbomben abgeworfen. Im Januar 1945 war Ludwigshafen am Rhein fast komplett zerstört, viele Bürger hatten die Stadt längst verlassen. Bei einem der letzten Bombenangriffe am 5. Januar 1945 starben 275 Menschen, 173 wurden verletzt. Der letzte Luftangriff erfolgte am 15. März 1945, als die Stadt bereits in der Frontlinie lag. Fünf Tage später wurden Mannheim und Ludwigshafen durch amerikanische Bodentruppen besetzt. Die Royal Air Force, die im Verlauf des Krieges wegen der hohen Verluste von Tagesangriffe auf Nachtangriffe übergegangen war, flog gegen Ende des Krieges wegen der längst erlangten Lufthoheit wieder vermehrt Tagesangriffe. Wie auch am 05. Januar 1945. 


Flying Officer C.F. Wakeham
Flying Officer C.F. Wakeham

Am 05. Januar starteten um 11:32 Uhr im englischen Tuddenham mehrere Lancaster-Bomber der 90. Staffel der Royal Air Force mit dem Auftrag, Gleisanlagen bei Ludwigshafen und Mannheim zu bombardieren. Einer davon war Lancaster Mk. I HK603 von 3 Group, Funkrufname WP-D. Die Besatzung bestand aus 8 Mann. Neben sechs Engländern waren noch zwei Australier an Bord und die Crew setzte sich wie folgt zusammen: Der Pilot war Flying Officer C.F. Wakeham (1), Royal Australian Air Force (Service Nr. A419977). Navigator war Flight-Sergeant H. Worsnop (2), Royal Air Force (Service Nr. 1620634). Funker war Flying Officer Francis Henry Ross  Kemp (3), Royal Australian Air Force (Service Nr.423754). Bordingenieur war Sergeant R.C. Boyle (4), Royal Air Force (Service Nr. 1826162). Bombenschütze/ Front-MG-Schütze war Flying Officer Robert Arthur Kirkland (5), Royal Air Force (Service Nr. 154951). Im oberen MG-Turm saß Schütze Sergeant J. Healy (6), Royal Air Force (Service Nr. 183754). Heckschütze war Sergeant Vernon Ivor Michael (7), Royal Air Force (Service Nr. 1837286). 



Obwohl die Besatzung eines Lancasters normal aus sieben Mann bestand, wurde später im Krieg, wie auch bei Lancaster HK603, oft ein achtes Besatzungsmitglied hinzugefügt. Dies um die teils neue Zusatztechnik zu bedienen, aber auch als extra MG-Schütze, um sich gegen deutsche Jäger, die „von unten hinten“ angriffen (sog. „Schräge Musik“) zur Wehr setzen zu können. Deshalb war Sergeant J.M. Bilton (8), Royal Air Force (Service Nr. 2221371), als achtes Besatzungsmitglied mit an Bord. Er bediente den zusätzlich eingebauten FN64 „Under Gun“-MG-Turm.



Drei Tage vorher, am 02.01.1945, war HK603, zusammen mit 519 anderen Bombern, noch an einem Angriff auf Nürnberg beteiligt gewesen. Der gesamte Flug verlief hier noch ohne Probleme. Diesmal, drei Tage später, schlug das Schicksal auf dem Rückweg gnadenlos zu.


Das Flugzeug wurde über dem Ziel mehrmals durch Flak getroffen. Was danach im Detail geschah, beschrieb Jahre später einer der Überlebenden, John Healy, der obere Turmschütze: „Ich saß im oberen MG-Turm. Das Flugzeug wurde mehrmals getroffen, fing an zu brennen  und stürzte plötzlich völlig außer Kontrolle in wilden Drehungen abwärts. Zwei Triebwerke waren ausgefallen. Der Pilot befahl uns, mit dem Fallschirm abzuspringen. Einer der beiden Australier, Navigator Flying Officer Francis Henry Ross Kemp (RAAF) und Heckschütze Sergeant Vernon Ivor Michael (RAF) wurden bereits bei den ersten Flaktreffern getroffen und waren sofort tot. Ohne den Bodenschützen, Sgt. Bilton, hätte ich es vermutlich nicht geschafft, mich aus der Geschützkanzel zu befreien. Wir sprangen auf einer Höhe von ca. 19.000 Fuß durch die Rettungsluke ab. Bilton sprang zuerst, danach sprang ich ab. Als ich die Reißleine zog, verlor ich wegen Sauerstoffmangel, bedingt durch die große Höhe, auf der wir abgesprungen waren, das Bewusstsein. Bei ca. 2000 Fuß kam ich wieder zu mir und landete, wie sich erst später herausstellte, bei Mutterstadt. Kurz vor dem Flug hatte ich meine eigentliche Position in der Heckkanzel mit Ivor Michael, der eigentlich in der Turmkanzel hätte sitzen sollen, getauscht. Hätten wir nicht getauscht, wäre ich jetzt tot gewesen. Die Heckkanzel wurde durch die Flaktreffer völlig zerstört.“ 


Ein Besatzungsmitglied landete in einem Baum am Eingang der Walderholung Mutterstadt. Fünf der sechs Überlebenden landeten unweit der Stelle, an der das Flugzeug zwischen Mutterstadt und Limburgerhof an der L533 auf freiem Feld zerschellte. Sie wurden von Polizeikräften gefasst  und zunächst gehörig verprügelt. „Ein deutscher Offizier machte dem Treiben ein Ende und hat vermutlich unser Leben gerettet“, so Healy. Zeitzeugen berichteten, die gefangenen Flieger liefen unter Begleitung von uniformierten Kräften die  L533 entlang nach Limburgerhof hinein, vorbei am Steinmetz Fuchs & Sohn, wo sich bereits eine Menschenmenge versammelt hatte. Der Turmschütze Healy machte, als sein Flugzeug abstürzte, die Beobachtung, dass fast zeitgleich eine deutsche Maschine, vermutlich eine Bf109,  ca. 300 Meter entfernt von der Absturzstelle seines Flugzeugs, abstürzte. Lange war unklar, wo die Maschine abgestürzt war, bis sich in 2020 ein Einwohner von Mutterstadt bei der IG Heimatforschung meldete, der bereits seit geräumer Zeit eine Stelle bei Mutterstadt kannte, unweit der Absturzstelle von Lancaster HK603,  an der über mehrere Jahre Flugzeugteile, eindeutig deutschen Ursprungs, aufgelesen hatte.  Nach einem Aufruf in „Die Rheinpfalz“ meldete sich ein Zeitzeuge, der berichtete, dass die deutsche Maschine von Mutterstadt von der eigenen Flak bei Frankenthal angeschossen worden war, das Flugzeug aber bis Mutterstadt weiterflog, bis es endgültig abstürzte. Der Pilot konnte mit dem Fallschirm abspringen. Er war, lt. Zeitzeuge, später in der Stellung, um sich zu beschweren. Er war sehr sauer. Das Wrack seines Flugzeugs wurde wohl sehr schnell geborgen, deshalb war dieser Absturz kaum jemandem bekannt (die Wracks von deutschen bzw. eigenen Flugzeugen wurden i.d. Regel sehr schnell entfernt, um die Moral nicht zu schwächen, die Wracks der abgeschossenen „Feindflugzeuge“ blieben i.d. Regel länger liegen). Da das Flugzeug also offensichtlich durch eigene Kräfte abgeschossen worden war, sollte dieser “Vorfall“, lt. Zeitzeuge, wohl vertuscht werden.  Bei dem Flugzeug handelte es sich möglicherweise um das Flugzeug, eine MeBf109 G-14/AS , von Uffz. Herbert Drühe, 05./JG011. Dieses Flugzeug wurde lt. Aufzeichnung am gleichen Tag, dem 05.01.1945, bei Mutterstadt als „100 % Bruch“ gemeldet. Der Pilot konnte mit dem Fallschirm abspringen. Sie steht allerdings „offiziell“ als „Absturz nach Luftkampf mit feindlichen Jägern“ in den Unterlagen.



Die zwei getöteten Besatzungsmitglieder der Lancaster HK603, Navigator Flying Officer Francis Henry Ross Kemp (RAAF) und Heckschütze Sergeant Vernon Ivor Michael (RAF), wurden auf dem Alten Friedhof in Mutterstadt beerdigt. Nach dem Krieg wurden sie durch die alliierten Autoritäten exhumiert und am 30.04. 1948 auf einem Alliierten Soldatenfriedhof bei Rheinberg in NRW wiederbestattet. Dort ruhen sie bis heute..



Zeitzeugen zeigten uns die ungefähre Stelle, wo das Flugzeug zerschellte. Kurz darauf wurden die ersten Flugzeugteile im Oberflächenbereich sichergestellt. In 2020 wurde die Absturzstelle im Rahmen einer Flugprospektion durch die IG-Heimatforschung überflogen. Von oben konnte man bereits anhand der Bewuchsmerkmale erste Rückschlüsse auf den genauen Einschlagsort ziehen. Wir werden die Stelle detailliert untersuchen, wenn alle erforderlichen Genehmigungen vorliegen. Der Grundstückseigentümer ist bereits voll involviert.                                                                     Erik Wieman


Flugzeugteile Lancaster HK603


Fortsetyung folgt!