Einweihung eines Mahnmals an der Absturzstelle von Stirling EE872

Ludwigshafen am Rhein, 23.09.2023


Nach mehreren Jahren der Forschung durch die IG Heimatforschung Rheinland-Pfalz wurde am 23.09.2023 an der Absturzstelle von Stirling EE872 ein Mahnmal eingeweiht. 

 

Seit der Wiederentdeckung der Absturzstelle in 2017 bestand reger Emailkontakt mit den Familien der getöteten Besatzungsmitglieder. Nun war der Moment gekommen, auf den so viele schon so lange gewartet hatten. Insgesamt wollten 20 Nachfahren aus Großbritannien und Neuseeland anreisen. Sogar der Sohn des einzigen Besatzungsmitglieds, das damals mittels Fallschirmabsprung überlebte (leider in den Siebzigern verstorben) und der letzte Bruder eines anderen Besatzungsmitglieds würden nach Deutschland kommen, um der Einweihungszeremonie beizuwohnen. Im Vorfeld wurden Übernachtungstipps für Hotels in der Gegend um Ludwigshafen ausgetauscht. Reden der Würdenträger und Nachfahren, die während der Zeremonie gehalten werden sollten, wurden, wie bei allen Gedenkfeiern der IG, im Vorfeld für das Programmheft übersetzt. Diesmal gab es auch eine Besonderheit, die wir bei den letzten sieben Gedenkfeiern so noch nicht hatten: Es würde eine Maori-Familie aus Neeseeland anreisen, denn einer der Insassen, Warrant Officer Adrian Douglas, war Maori, und war bei dem Absturz in 1943 zu Tode gekommen. Nun sollte sein damals 2 Jahre alter Bruder mit über zehn Familienmitgliedern nach Deutschland kommen. 



Aus London reiste der Militärattaché von Neuseeland, Commander Mr. Wayne Andrew mit Gattin an. Aus der britischen Botschaft Berlin hatte am Vortag der Militärattaché von Großbritannien, Group Captain Mark Heffron, in Limburgerhof eine Unterkunft gefunden. Der Militärattaché Mr. Heffron war nun schon zum dritten Mal bei einer Gedenksteineinweihung der IG Heimatforschung dabei, was uns sehr freute.



Die Absturzstelle bei Ludwigshafen war, im Gegensatz zur letzten Gedenkfeier der IG im Juli 2023, wo die Absturzstelle mitten im Wald lag, sehr gut erreichbar. Nichtsdestotrotz waren wieder einige Militärfahrzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg dabei.  Mit leerem Magen sollten die Gäste nach der Feier auch nicht nach Hause gehen, deshalb war diesmal sogar eine original funktionsfähige deutsche Feldküche aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs aufgebaut, aus der anschließend Erbsensuppe mit Wurst und Baguette-Weißbrot serviert werden sollte. Diese Feldküche sollte viel Beachtung finden, wie sich später zeigen würde.




Am Vortag der Veranstaltung war am Auftreffpunkt des Flugzeugs im Acker ein Fahnenmast mit der englischen und neuseeländischen Fahne aufgestellt worden. Genau an der Stelle hatte das Flugzeug damals die erste Bodenberührung (dies war im Vorfeld durch Bodenfunde belegt), als es danach noch weiter über den Acker schlitterte, bis es in der Mitte des Feldes zum Stillstand gekommen war. Beim Absturz war damals sogar ein Rad über die heutige Umgehungsstraße gerollt, bis es in der Nähe des ehemaligen OBI-Marktes an der Von-Kieffer-Straße zum Stillstand gekommen war. Dort hatte der, in 2019 mit 89 Jahren leider verstorbene, Zeitzeuge Richard Braun, damals in 1943 diesen ersten Hinweis auf den Absturz, das Rad, am Morgen nach dem Absturz, liegen sehen und dies hatte seine Neugierde geweckt. Er hat nach dem Krieg selbst jahrelang geforscht und Daten über den Absturz zusammengetragen.


Am Treffpunkt (und Parkplatz), unweit der Absturzstelle, sollten wir uns alle um 10:00 Uhr versammeln. Die ersten Gäste, die am Morgen der Veranstaltung um 08:30 Uhr  eintrafen, waren von der  Bundeswehr aus Ramstein. Der Dienstälteste Deutsche Offizier der Bundeswehr in Ramstein, Herr Oberst Michael Trautermann, der nun bereits zum 2. Mal bei einer unserer Veranstaltungen dabei war, hatte eine Delegation von 4 Luftwaffensoldaten dabei. Zwei davon sollten abwechselnd links und rechts am Stein stehen, und zwei Soldaten sollten zusammen mit Herrn Oberst Trautermann bei der Kranzniederlegung den Kranz im Namen des Verteidigungsministers niederlegen. Drei Soldaten des Bundesheeres aus Düren und Bruchsal sollten das Zeremonial am Fahnenmast an der Absturzstelle im Feld ausführen. Um diese Kameraden dort hin zu befördern, war eigens ein original Willys Jeep aus dem 2. Weltkrieg abgestellt worden. Der Besitzer des Fahrzeugs sollte diesen zur rechten Zeit, kurz bevor die Trompete für den „Last Post“ am Stein erklingen sollte, dorthin befördern. Die Bundeswehrdelegation der Luftwaffe und des Heeres war also erneut sehr gut vertreten, was die Nachfahren der getöteten Besatzung außerordentlich freute.



Nach und nach trafen die Polizei, Rettungskräfte, die Militärattachés aus Großbritannien und Neuseeland (der Neuseeländische Attaché war eigens für diese Zeremonie aus dem Hauptquartier in London angereist) sowie immer mehr Nachfahren ein. Die neuseeländischen Nachfahren hatten einen Flug von über 22 Stunden hinter sich. Einige sollten noch eine Woche bleiben, andere reisten nach der Zeremonie wieder ab.



Die Familie des verstorbenen Maori Warrant Officer Adrian Douglas aus Neeseeland, begrüßte mich traditionell nach Maori-Art, wobei sich Nase und Stirn gegenseitig berühren. Der in 1943 nur 2 Jahre alte Bruder von Adrian war ebenfalls zugegen, auch er hatte diesen langen Flug, mit dem Rollstuhl im Gepäck, von Neuseeland nach Deutschland gemacht. Da er damals noch so jung war, als sein Bruder beim Absturz starb, hat er ihn nie bewusst kennengelernt. Umso wichtiger war dieser heutige Tag für ihn.




Als auch der letzte geladene Gast eingetroffen war und Platz genommen hatte, wurden alle Gäste, nach einer musikalischen Einlage durch Pipe Major Mackenzie auf dem Dudelsack, von mir ausführlich namentlich begrüßt. Danach übergab ich das Wort an Ingo Stumpf von der IG, der unsere Gruppe und unsere Ziele kurz vorstellte.




Er übergab danach an den Beigeordneten der Stadt Ludwigshafen, Herr Alexander Thewalt, der Stellvertreter der Oberbürgermeisterin. Nach seiner Rede wurde das Mahnmal durch Herrn Thewalt, den Militärattaché von Großbritannien, Group Captain Hr. Heffron, den Militärattaché von Neuseeland, Commander Herr Andrew, sowie den Dienstältesten Deutschen Offizier in Ramstein, Herr Oberst Trautermann, enthüllt: Alle an dem Absturz involvierten Nationen nun vereint bei der Enthüllung des Mahnmals!





Herr Oberst Trautermann (BW) hielt danach seine Rede, gefolgt von Group Captain Heffron (RAF) und Commander Herr Wayne Andrew (RNZDF). Im Anschluss sprach Stadthistoriker Hr. Dr. Klaus Becker. Gedacht wurde nicht nur den Flugzeuginsassen. Allen Opfern des verheerenden Bombardements auf Ludwigshafen vom 5. auf 6. September 1943 wurde gedacht. Militärischen und zivilen Opfern, sowie den vielen Kriegsgefangenen/Zwangsarbeitern, die während des Krieges in und um  Ludwigshafen ums Leben gekommen sind.




Pfarrer Herr Jozef Szuba, Bistum Speyer, Dekanat Ludwigshafen, segnete daraufhin das Mahnmal mit Weihwasser und sprach ein Gebet, dem viele in ihrer Sprache folgten.



Im Anschluss folgten die Reden der Nachfahren: Herr Simon Hoque, für die Familie Holmes, Mr. Wayne Douglas und Herr Alexander Hodge für die Familie Douglas, der Sohn des einzigen Überlebenden des Absturzes, Mr. Steve Barnard, sprach für die Familie Barnard. Frau Yvonne Badcock, Nachfahrin der Familie Badcock, hatte nicht mehr anreisen können, ihre Rede wurde von meiner Frau, Birgit Wieman, vorgetragen. Sehr besonders und emotional war der durch die Maori-Familie Douglas ausgeführte „Haka“, ein sehr symbolträchtiger und ritueller Tanz der Maori, zu Ehren ihres bei dem Absturz verstorbenen Familienmitglieds Adrian Douglas. Dies war für alle zusätzlich zu der heutigen bereits sehr speziellen Besucherkonstellation noch einmal etwas ganz Besonderes und Emotionales. Und für Ludwigshafen wohl eine Premiere. Ein Haka, am Ackerrand, anlässlich eines Flugzeugabsturzes aus dem 2. Weltkrieg, durch die Familie eines Verstorbenen Maori aus Neuseeland.  




Nun war es für die drei Soldaten des Heeres an der Zeit, den Willys Jeep zu besteigen und quer über den Acker zum Absturzort zu fahren. Dieser befand sich in Sichtabstand bei dem Fahnenmast in der Mitte des Ackers. Ich kündigte nun eines der Highlights, den Last Post, an. Herr Jan Ulrich machte sich bereit und stellte sich mit seinem Kornett vorne neben das Mahnmal. Alle sieben Namen der Flugzeuginsassen, inklusive ihres Dienstgrades und ihrer Funktion im Flugzeug, wurden von mir vorgelesen. Ich endete mit dem Satz „May they rest in peace“.



An der Absturzstelle zündeten die Soldaten des Heeres am Fahnenmast gleichzeitig zwei Rauchtöpfe und am Mahnmal, am Rand des Ackers, folgte der „Last Post“. 1,5 Minuten Gänsehaut. Darauf folgte eine Schweigeminute. Eine Minute, um zu reflektieren, warum wir heute hier versammelt sind. Was hier damals passiert ist. Warum wir uns erinnern sollen. 




Nun war es an der Zeit, Blumen und Kränze niederzulegen. Während dessen spielte Pipe Major Mackenzie auf dem Dudelsack.



Als alle Delegationen und Nachfahren ihre Blumen, Kränze und Erinnerungsstücke niedergelegt hatten, wurden Einzelheiten zu dem Absturz mit den Gästen geteilt. Wie kam das Projekt zustande? Wo kam das Flugzeug her? Wie war die Flugrichtung? Was war hier wo genau passiert? Was wurde bei unseren Untersuchungen gefunden? Welche neuen Erkenntnisse gibt es?




Nach verschiedenen Gruppenbildern vor dem Mahnmal hielt ich meine Schlussrede und lud danach alle Gäste auf eine kleine Mahlzeit bzw. einen Snack ein: Erbsensuppe mit Würstchen und Baguette-Weißbrot, serviert aus einer original Feldküche der Wehrmacht aus 1938. Eine Mahlzeit „nach holländischem Rezept“. Den Reaktionen nach kam diese Mahlzeit sehr gut an. 


Die Stelle ist nun markiert und sichtbar. Viele der 20 Nachfahren blieben noch einige Tage, andere flogen gleich am nächsten Tag nach Hause zurück. Für uns alle war es ein unvergesslicher Tag.  Die Nachfahren können nun endlich abschließen.                                                                              Erik Wieman